Einheitlich feiern!

Ein Hoch auf die gleichberechtigte Ausbeutung in Staat und Nation.
Faltblatt anlässlich der Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2010 in Bremen

Schön sein. Schlank sein. Geil sein.

Mit der Genese des Nationalstaates haben sich die Geschlechterverhältnisse auch in den ökonomischen Verhältnissen manifestiert. Patriarchale Strukturen in der Gesellschaft drückten sich lange aus in einer gesellschaftlichen Trennung von Zuständigkeiten nach Geschlecht: häusliche Reproduktionsarbeit wurde den Frauen1, Lohnarbeit den Männern zugeordnet. Die Idee der Nation legitimiert(e) den Staat. Der Staat handelt(e) nach Standortlogik.

Dabei waren Frauen nur Produzentinnen des nationalen Nachwuchses und Männern wurde jede politische Handlungsfähigkeit zugestanden. Damit einher ging eine prinzipielle, personalisierte Abhängigkeit der Frau vom Mann: Ökonomisch, politisch, und sogar ganz konkret physisch in der Gewalt über den Körper.

Fleißig sein. Fit sein. Verwertbar sein.

Soziale Kämpfe und die Frauenbewegungen haben viele Freiheiten errungen: Heute können auch Frauen wählen, Karriere machen oder sich von ihrem schlagenden Ehemann trennen. Männer können ein Elternjahr nehmen und der Außenminister ist offen schwul. Wozu also noch von einem Patriarchat reden?

Die schönen neuen Freiheiten, die wir haben, sind tatsächlich ganz nett. Leider sind aber ein paar prinzipielle Dinge (noch!) nicht abgeschafft worden. Die meisten Leute müssen noch immer jeden Tag zur Arbeit gehen, dabei am besten noch nett lächeln und gut aussehen und all das muss ihnen sogar auch noch Spaß machen. Im Privaten geht’s weiter mit freiwillig unbezahltem Networking, Leistungsoptimierung und Karriereschmiede.

Denn heutzutage muss mensch ja froh sein, einen Arbeitsplatz zu haben, um sich nicht von Agentur für Arbeit und Co. herumschubsen lassen zu müssen. Ohne Arbeit gilt er_sie im Kapitalismus ja eh als wertlos.

Die „Freiheit“, die die Frauen heute also tatsächlich erlangt haben, ist die Freiheit, die Pille danach einzuwerfen, oder unbezahlt den Nachwuchs heranzupäppeln, den Haushalt zu schmeißen und dann im Kostümchen zur Chef_in zu stürmen und acht Stunden lang zu malochen. Die Entscheidung für das eine, das andere oder eben beides scheint eine individuelle zu sein; nicht mehr das böse Patriarchat, manifestiert im bösen Staat, zwingt jede einzelne, sondern Menschen kommen scheinbar wie von Zauberhand auf die Idee, in allen Lebensbereichen möglichst attraktiv, leistungsstark und verwertbar sein zu wollen. Weil die Konkurrenz nicht nur am Arbeitsmarkt stattfindet, sondern auch am Heiratsmarkt, muss sich jede_r selbst optimal zurichten wollen.

Die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre, die ein entscheidendes Moment des Kapitalismus ist und in der sich historisch das Patriarchat ausdrückte, ist also nicht aufgehoben, sondern nur nicht mehr so strikt nach Geschlechtern sortiert: Alle müssen sich irgendwie selbst um diese beiden Bereiche kümmern – und dem Kapital ist’s dabei ziemlich egal, ob Er oder Sie (oder Sie oder Sie) schuften geht.

Diese neue Flexibilisierung ist aber keine absurde „Gleichberechtigung in der Ausbeutung“, sondern trifft noch immer Frauen besonders krass. Obwohl wir alle so emanzipiert sind, ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die Frau die schlechter bezahlten Jobs macht (vom Kindergarten bis zum Altenheim). Die neuen Niedriglohnjobs ersetzen zwar die traditionellen Reproduktionsarbeiten, tendenziell werden diese aber noch immer von Frauen ausgeführt. Wenn die Kohle in der Kleinfamilie nicht reicht, ist klar, dass die Doppelbelastung von Haushalt und Lohnarbeit die Frau übernimmt.

Mann sein. Frau sein. Flexibel sein?

Der Staat wird dabei oft als Puffer und Rettung vor allzu schlimmer Scheiße betrachtet: Er beschließt Antidiskriminierungsgesetze, führt die Eingetragene Lebenspartnerschaft gegen den homophoben Normalzustand ein und betreibt gender mainstreaming (was auch immer das sein soll). Wir haben vom Staat aber nichts zu erwarten. Es geht bei den vermeintlichen neuen „Freiheiten“ faktisch nicht um eine vernünftige Analyse und Abschaffung der Ausbeutung und Unterdrückung, sondern um eine Optimierung der Verwertbarkeit unter heutigen Produktionsverhältnissen. Der Staat regelt nur die Bedingungen, unter denen der Kapitalismus funktioniert – und wird ihn niemals abschaffen!

Zusammen dagegen!

Wenn sich rund um den 3. Oktober 2010 die deutsche Nation abfeiert, feiert sie sich als vermeintlich emanzipiertes, fortschrittliches Land, in dem die brutalen kapitalistischen Verhältnisse ausgeblendet werden.

Ganz abgesehen davon, ist der Jubel um die „Wiedervereinigung“ geschichtslos glücklich. Das Motto ist: Die Vergangenheit ist bewältigt, die Deutschen sind nun geläutert und können sich „endlich wieder“ als ein „ganz normales Volk“ feiern.

Doch egal ob Staat, Nation, Kapital oder strukturelles Patriarchat:

Wir haben heute nichts zu feiern!

1Wir halten die Einteilung von Menschen in die Kategorien „Mann“ und „Frau“ für Ideologie, also falsches Bewusstsein. Sie werden aber in dieser Gesellschaft von vielen Menschen als real gedacht und wirken sich deshalb auch auf soziales Handeln aus. Deshalb beziehen wir uns hier trotz aller Kritik auf diese Kategorien.