Wozu Gedenkstätten?

Eine Veranstaltung mit Rosa Fava in Kooperation mit der Reihe Antifaschistische Perspektiven des Erinnerns (Rosa-Luxemburg-Initiative)

Gedenkstätten für die Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus wurden von Überlebenden der NS-Verbrechen, ihren Angehörigen und von Antifaschist_innen unterschiedlicher Ausrichtung eingerichtet und oft über Jahrzehnte erkämpft. Diese Orte erfüllten verschiedene Funktionen als symbolische Friedhöfe, als ‚Beweisstätte‘, als Mahnmal, als Ort der Begegnung und der privaten wie politischen Auseinandersetzung.

Seit der Wiedervereinigung, seit der deutschen Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien 1999 und der Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (eröffnet 2005) stellen Gedenkstätten und mit ihnen verbundene Lern- oder DenkOrte jedoch auch Symbole der wiedergutgemachten deutschen Nation dar, die aus ihren Verbrechen gelernt habe und diese unter dem Diktum der ‚Aufarbeitung‘ gerne ausführlich dokumentiert. In den erinnerungskulturellen und gedenkpolitischen Praktiken wird die nationalsozialistische Vergangenheit als abgeschlossen und bewältigt dargestellt, an die man sich lediglich immer wieder ‚erinnern‘ müsse. ‚Entschädigungs’zahlungen an die Opfer und die Verfolgung der Täter_innen blieben und bleiben weit hinter erinnerungskulturellen und gedenkpolitischen Praktiken zurück. Geld wird in Museen gesteckt, statt an Menschen ausgezahlt zu werden: „Aus Beweismitteln wurden Exponate“ (Günther Jacob). So kann Auschwitz zu einem konstituierenden Teil eines geläuterten Nationalismus gewendet werden.

In der KZ-Gedenkstätte Neuengamme kam es 2008/2009 zu größeren Konflikten, als ein Student der Bundeswehruniversität und Soldat dort als Guide arbeiten wollte: Einige NS-Überlebende, Guides und antifaschistische Gruppen protestierten dagegen. In der breiteren Öffentlichkeit stieß es hingegen auf Unverständnis, dass Soldat_innen nicht von allen als Berufsgruppe wie jede andere gesehen werden. So wurde eine Versöhnung zwischen deutschem Militär und Einrichtungen, die an die deutsche Barbarei erinnern, nicht als Widerspruch wahrgenommen. Auf der Veranstaltung wird es darum gehen, anhand des Falls Neuengamme auf die Entwicklungen und Widersprüche einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einzugehen, die, so der Wunsch, nicht in Gedenkfolklore münden sollte. Dabei sollen Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer Interventionen in Gedenkpolitiken zur Diskussion stehen sowie Perspektiven und Unmöglichkeiten ‚eigener‘ Konzepte ausgelotet werden.

Rosa Fava lebt in Hamburg und hat einige Jahre als Guide in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gearbeitet.